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11. April 2004 | Südamerika

Zwischenbericht Feldsaison 2003-2004

Delfinprojekt auf der Chiloé Insel in Südchile (Proyecto Toninas) von Sonja Heinrich

Geschichten von der Feldarbeit

Das Delfinprojekt auf der Chiloé Insel steht unmittelbar vor dem erfolgreichen Abschluss der vierten Feldsaison. Diese Saison verlief sehr gut, war ereignisgepackt und anstrengend, da auch die Feldarbeits- Brujas (Hexen) mal wieder zugeschlagen haben...

Wir begannen Anfang Januar mit der Datenerhebung auf Chiloé. Diese Saison standen mir zwei bereits bewährte chilenische Helferinnen wieder tatkräftig zur Seite und zwei neue Helferinnen aus Deutschland kamen für einige Wochen im März-April als Verstärkung hinzu.

Von Januar bis März konnten wir 34 erfolgreiche Ausfahrten mit unserem kleinen Schlauchboot „Eutropia“ unternehmen, angetrieben von dem neuem, leisen und umweltfreundlichen Viertakt- Außenbordmotor, den wir dank der Unterstützung von yaqu pacha in dieser Saison anschaffen konnten. Die Datenerhebung erfolgte wieder nach der bewährten Linien-Transekt-Methode. Wir fotografierten auch wieder Delfin-Rückenfinnen für den Foto-Identifikations-Katalog. Die meisten Finnen können wir bereits bekannten Delfinen zuordnen. Vollständige Zuordnung und Datenauswertung werden nach der Feldsaison an der University of St Andrews in Schottland erfolgen. Genauere Ergebnisse werden in den nächsten Monaten und bis Ende des Jahres erscheinen. Die Datenerhebung für meine Doktorarbeit ist mit dieser Saison abgeschlossen.

Die Delfine überraschten uns mit einer kleinen Seltenheit gleich bei der ersten Ausfahrt – wir trafen auf eine gemischte Gruppe von Chilenischen und Peale’s Delfinen, wobei von jeder Art ein neugeborenes Kalb zugegen war. Solche gemischten Gruppen sind extrem selten, denn normalerweise zeigen Chilenische und Peale’s Delfine eine räumlich-zeitliche Aufteilung der Nutzung ihrer Aufenthaltsgebiete.

Wie auch schon in den Vorjahren sind Chilenische Delfine regelmäßig nur im südlichen Studiengebiet anzutreffen, wo ihre lokalisierte Verbreitung auf die gleichen Buchten, Yaldad und Canal Coldita, konzentriert war. Dies korreliert vermutlich mit dem reichen Vorkommen von kleinen Schwarmfischen wie chilenischen Sardinen und „pejerreys“ in diesen Buchten.

Insgesamt sichteten wir 72 Gruppen von Chilenischen Delfinen mit einer mittleren Gruppengröße von sechs Tieren. Im März konnten wir jedoch einige Male bis zu 30 Delfine in kurzfristigen Ansammlungen von mehreren Gruppen zählen. Bei solchen „Delfinversammlungen“ handelt es sich meist um einzelne Gruppen, die zum gemeinsamen Schmaus an einem besonders fischreichen Küstenabschnitt zusammenkommen. Wir konnten wieder das für die Fischjagd typische Formationsschwimmen der Delfine beobachten – in Reihe schwimmen von drei bis zu sieben Tieren, dann auf der Stelle kreiseln, gefolgt von längeren Tauchgängen. Auch Delfinkälber gab es zum Glück wieder einige. Unter den 30 Delfinen der kurzfristigen „Delfinversammlung“ waren drei Neugeborene und sechs Kälber.

Peale’s Delfine waren im Mittel in kleineren Gruppen anzutreffen (4 Tiere, bei 33 Sichtungen). Auch hier sahen wir wieder viele bekannte Finnen und erfreulicher Weise auch einige Kälber und Neugeborene. Neugeborene Peale’s Delfine sind auffallend gelblich gefärbt mit creme-weißen Geburtsfalten an den Flanken. Gruppen mit Kälbern und Neugeborenen sind (verständlicher Weise) meist scheu, was das Fotografieren der Finnen erschwert. Diese „Kindergruppen“ bestehen meistens ausschließlich aus Mutter-Kalb Paaren und manchmal einigen Jungtieren. Gruppen mit erwachsenen Peale’s Delfinen dagegen nähern sich gerne  Booten an, um kurz auf der Bugwelle zu surfen oder mit dem Boot um die Wette zu gleiten. Das bootsfreundliche Verhalten scheint häufiger zu Verletzungen durch Bootspropeller zu führen, denn wir sahen diesen Sommer insgesamt 4 Delfine, die Kerben und lange Schnittwunden an Rücken und Flanken trugen (siehe Foto, Peale’s Delfine).

Auch Burmeister’s Schweinswale sichteten wir wieder in den angestammten Gebieten in Zentralchiloé. Eine individuelle Identifikation ist sehr schwierig, da Burmeister’s Schweinswale keine prominente Rückenfinne mit Marken haben und extrem schwer zu beobachten (geschweige denn zu fotografieren) sind. Wir können jedoch ein Tier mit einer untypischen „hakenförmigen“ Rückenfinne seit nun drei Sommern beobachten und die Wiedersichtungen deuten auf Standorttreue in einem kleinen Gebiet hin. Wir haben bis heute 14 Lebendsichtungen von Schweinswalen verzeichnet, was mehr ist als in der veröffentlichten Literatur in den letzen 30 Jahren in Chile dokumentiert wurde. Diesen Sommer beobachtete unser Team bei einer Gruppe von 3 Schweinswalen auch zum ersten Mal das uns von den Delfinen bekannte Fressverhalten mit „Kreiseln und Blasen ausstoßen“, mit dem Fische zusammen getrieben werden.

Delfine (und Cetaceen generell) verbringen über 90% ihrer Zeit unter Wasser, wo die Sicht auf wenige Meter beschränkt ist. Akustische Signale sind daher ihre wichtigsten Orientierungs-, Jagd-, und Kommunikationsmittel unter Wasser. Über die Lauterzeugung und das Kommunikationsspektrum von Chilenischen und Peale’s Delfinen ist, außer fundierten Spekulationen, nichts bekannt. Akustische Untersuchungen erfordern jedoch recht teure und aufwendige Ausrüstung, denn das akustische Spektrum von Delfinen (vor allem der Gattung Cephalorhynchus, zu der die Chilenischen Delfine zählen) übersteigt unser Hörvermögen (max 16-19 kHz) um ein Vielfaches und reicht bis in den hochfrequenten Bereich von Fledermäusen (über 100 kHz). Akustische Studien sind auch für Bestandserhebungen von Bedeutung, denn Delfinbeobachtungen und –zählungen werden durch Wind, Wellen und evasives Verhalten der Tiere beschränkt. Wir hatten daher für diesen Sommer erste akustische Untersuchung an Chilenischen und Peale’s Delfinen (und mit ein bisschen Glück auch an Schweinswalen) geplant. Hierzu hatten wir Unterstützung von der amerikanischen Wildlife Conservation Society erhalten (Research Fellowship Award).

Leider geht nicht immer alles nach Plan. Ein Hydrophon (Unterwassermikrofon), was bis in den hochfrequenten Bereich misst, sowie ein Teil der benötigten teuren Aufzeichnungsmedien sollten uns als Leihgabe von Kollegen aus Schottland zur Verfügung gestellt werden. Technische und personelle Probleme verzögerten dann immer wieder die Auslieferung der akustischen Ausrüstung nach Chile. Aufgrund der Kosten und der schwierigen Logistik gelang es uns nicht, von Chiloé aus kurzfristig gleichwertige Ausrüstung anderweitig zu organisieren. Wir haben dank der spontanen Hilfe des befreundeten Kameramannes und eines chilenischen Kollegen, der an Blauwalen arbeitet, nun eine zusammengeschusterte einfachere Alternative parat, mit der wir bis 20kHz aufzeichnen können. Dieser Bereich lässt zumindest die Untersuchung von bestimmten Kommunikationslauten zu. Leider macht nun das Wetter nicht mehr mit – Dauerregen und Gewitterstürme  halten uns seit einigen Wochen im sicheren Hafen fest. Wir werden nun versuchen, die akustischen Untersuchungen im nächsten Sommer nachzuholen, frei nach dem Motto „aufgeschoben ist nicht aufgehoben“.

Chiloé Delfine (und Schweinswal) Populär

Im Dezember 2003 hielt ich einen Vortrag über das Projekt (Verteilung und Habitatnutzung von sympatrischen Chilenischen und Peale’s Delfinen) auf der weltweit größten Meeressäuger-Konferenz der Society for Marine Mammalogy in Greensboro, USA.

Für 2004 sind zwei Poster-präsentationen im Gespräch, die jeweils von den beiden chilenischen Studentinnen gehalten werden sollen – eine im Mai 2004 auf dem Congreso de Ciencias del Mar in Coquimbo, Chile, und eine im September 2004 auf der 11a Reunión de Trabajo de Especialistas en Mamíferos Acuáticos de América del Sur in Quito, Ecuador. Wir hoffen, einige unserer Beobachtungen an den wenig bekannten Burmeister’s Schweinswalen, ihrer Lebensraumnutzung und Vorkommen in Bezug auf Chilenische und Peale’s Delfine vorstellen zu dürfen.

Im März besuchte uns für drei Wochen ein befreundeter Journalist und Kameramann, der für das Bayrische Fernsehen eine kurze Reportage über unser von yaqu pacha unterstütztes Projekt, die Delfine und unser Team gedreht hat. Sendetermin im Bayrischen Fernsehen sollte Anfang April sein, ist aber aufgrund der Osterwoche auf ein bis dato unbekanntes Datum verschoben worden. Eine längere Fassung (von ca. 30+ Minuten) ist im Gespräch und wird voraussichtlich bis Ende des Jahres erscheinen.

Chiloé Delfine und Umweltbildung – ¿Quién come a quien?

Unser Team besuchte letzten Sommer zum ersten Mal die Dorfschule in Yaldad, unserer Basisstation in Südchiloé. Die hervorragende Resonanz bei Kindern und Lehrern und die Begeisterung des kommunalen Schulrates hat uns zu einer Ausweitung unserer Bemühungen ermutigt. Diesen Sommer entwickelten wir ein selbstentworfenes Kartenspiel über das örtliche Ökosystem für die größeren Kinder – „¿Quién come a quien?“ – „Wer frisst wen?“

Ziel war es, den Kindern die Verbindung der einzelnen Arten, ihre Abhängigkeiten voneinander, Schlüsselelemente sowie die Veränderung des Systems durch menschliche Einflüsse zu verdeutlichen. Jede Spielkarte stellte ein wichtiges Element der Nahrungskette dar, von Phytoplankton und Algen über bodenlebende Invertebraten und Zooplankton zu den niederen Räubern wie Fischen und Kalmaren bis zu den größeren Räubern wie Seevögel, Robben, Delfine und Wale. Menschen konnten als „Räuber“ auf allen Stufen eingreifen (das Dorf lebt von der Muschelzucht und dem Sammeln und Fangen von Algen und Meerestieren). Ebenso gehörten Nährstoffe und Nährstoff-recycler in die Nahrungskette. Bonuspunkte gab es durch nährstoff-bringende Karten wie Flüsse und Regen, die Nährstoffe vom Land ins Meer waschen (nach einem heftigen Regenguss ist das Meer in der Bucht von Gerbstoffen aus den terrestrischen Pflanzen braun gefärbt), sowie Strömungen, die für den Wasseraustausch mit den tieferen Gewässern sorgen. Minuspunkte und das „Sterben“ einer Nahrungskette wurde durch Verschmutzungs-Karten und „Rote Tide“ (eine giftige Algenblüte, die hier häufig auftritt und die Muschelfarmen vergiftet) hervorgerufen. Als Vorbereitung besprachen wir mittels einer Powerpoint-Präsentation mit Bildmaterial die einzelnen Elemente der Nahrungskette, ihren Nutzen und Wichtigkeit für den Menschen und ihre Bedeutung im Ökosystem. Dazu dienten die den Kindern bereits bekannten Delfine als „charismatische Aufhänger“, um die Vielfalt und Problematik in den Küstengewässern zu verdeutlichen. 

In einer zweiten Schule und für die kleineren Kinder gab es interaktiven „Unterricht“ mit den „Tías de las toninas“ (den „Delfintanten“ - wie sie uns nennen), Bildvorträge und Geschichten über die Biologie der Delfine.

Auch zeigten wir einen kurzen Videofilm über Chilenische Delfine und unsere Arbeit, welcher nur einige Tage vorher in Zusammenarbeit mit dem Kameramann des BR gedreht wurde.

Neben den Vorträgen in den Schulen hielten wir auch drei abendliche Seminare über Delfine und das Projekt vor Studenten der Universidad Austral, die in der Basisstation auf Exkursion zu Besuch waren. Weitere Vorträge sind bis zum Jahresende geplant an der Universidad Austral (Carla Christie),  Universidad de Valparaíso (Marjorie Fuentes) und University of St Andrews (Sonja Heinrich).

Feldarbeit bis Ende 2004

Dieses Jahr haben wir erstmals ganzjährige Delfinbeobachtungen geplant. Von Mai bis Dezember wird unser Team versuchen, monatliche Ausfahrten in die aus den Sommerbeobachtungen bekannten angestammten Gebiete von Chilenischen Delfinen in Südchiloé zu unternehmen. Erzählungen der einheimischen Muschelfarmer und eine kurze Studie (Crovetto & Medina, 1991) deuten darauf hin, dass Chilenische Delfine im Winter nicht in den gleichen angestammten Buchten anzutreffen sind und es wurde spekuliert, dass sie ihren Beutefischen in tiefere küstenferne Gewässer folgen. Ein Teammitglied (Carla Christie) wird einmal im Monat in Zusammenarbeit mit einem der ansässigen Muschelfarmer die Buchten von Yaldad und Coldita in einem 6m langen Holzboot abfahren. Ziel ist es, die ganzjährige Präsenz der Delfine in den uns bekannten wichtigen Sommerhabitaten zu untersuchen. Intensive Feldarbeit und küstenferne Ausfahrten im Winter sind aufgrund der extrem schlechten Witterungsverhältnisse mit wochenlangen Dauerregen und starken Winden nicht ohne extremen Kosten- und Personenaufwand möglich (großes seetaugliches Boot mit Besatzung etc). Die einmal im Monat geplanten und auf wichtige Habitate beschränkte Ausfahrten stellen einen kostengünstigen Kompromiss dar. Die Nutzung örtlicher Resourcen (einheimische Muschelzüchter und ihre Boote) soll ferner das Interesse im Ort an den Delfinen und der Studie sowie die Einbeziehung der Einheimischen fördern. Dieser Projektteil ist aufgrund einer Unterstützung durch die amerikanische Wildlife Conservation Society möglich (Research Fellowship Award).

Projektfortgang in der nächsten Saison 2005

Die beiden chilenischen Helferinnen Carla Christie und Marjorie Fuentes werden die Feldarbeit in Süd-Chiloé in der nächsten Saison weiterführen. Beide studieren Meeresbiologie: Carla im 10. Semester (Abschlussarbeit) an der Universidad Austral in Valdivia und Marjorie im 8. Semester (Kurse) an der Universidad de Valparaiso. Carla hat nun den dritten Sommer im Projekt auf Chiloé mitgearbeitet, Marjorie im zweiten Sommer. Beide werden ihre Abschlussarbeit über die Vergesellschaftungsmuster von Chilenischen und Peale’s Delfinen schreiben. Hierzu steht ihnen ein Teil meiner bisher gesammelten Daten zur Verfügung und hoffentlich noch Daten einer weiteren Saison, in der sie eigenverantwortlich arbeiten werden. Ihre „Feuertaufe“ haben sie diese Saison bereits bestanden, indem sie die Datenerhebung vom Boot aus drei Wochen lang alleine durchgeführt haben während meines Arbeitsaufenthaltes in der Antarktis.

Für den nächsten Sommer ist Folgendes geplant:

1. Fortsetzung der Foto-Identifikationsstudie an Chilenischen und Peale’s Delfinen in Süd-Chiloé, um eine Langzeit-Datenbank über Standorttreue, Schlüsselaufenthaltsgebiete, Sozialstruktur und Populationsdynamik zu erstellen.

2. Fortsetzung der Umwelterziehung in den Schulen mit Ausweitung auf weitere Schulen im Umkreis. Dies erfolgt in Zusammenarbiet mit dem regionalen Schulamt der Municipalidad de la Commune Quellon.

3. Nachholen der für diesen Sommer geplanten akustische Untersuchungen an Chilenischen und Peale’s Delfinen.

4. Das räumlich-zeitliche Vorkommender der Delfine wird vermutlich weitgehend von der Verteilung ihre Beute bestimmt. Bis dato haben wir abiotische Faktoren (.d.h. Wassertiefe, Salzgehalt, Temperatur etc.) gemessen, um wichtige Delfinhabitate zu bestimmen und zu charakterisieren. Im nächsten Sommer möchten wir versuchen, ein detaillierteres Verständnis der Nahrungskette in den für Delfine wichtigen Buchten zu erlangen. Wir planen qualitative Untersuchungen zum Vorkommen von wichtigen Nährstoffen im Meerwasser (z,.B. Ammonium, Nitrite, Nitrate, Phosphate), Komposition des Phytoplankton und Zooplankton sowie die Bestimmung dominanter ischarten (mögliches Delfinfutter). Hierzu werden wir Wasserproben nehmen sowie mit verschiedenen Netzen auf Zooplankton-, und Fischfang gehen, um das generelle Nahrungskettenspektrum beschreiben zu können.

5. Unser Team plant informative Gespräche mit den Fischern Südchiloés , die  küstennahe Stell- und Treibnetzfischerei betreiben. Ziel ist es, anekdotische Informationen über ihre Delfinbeobachtungen, die räumlich-zeitliche Verteilung der einzelnen Delfinarten innerhalb und außerhalb unseres Studiengebietes sowie möglichen Beifang von Delfinen zu erlangen. Außerdem möchten wir eine grobe Übersicht über die gefangenen Fischarten sowie saisonale Unterschiede in den Fischfanggebieten (d.h. mögliche Fischwanderungen) erwerben. Hierzu werden wir auch den begonnenen Dialog mit der örtlichen Fischereibehörde ausweiten. Die Gespräche mit den Fischern werden zeigen, ob es möglich sein wird, in der Zukunft eine Abschätzung der Beifanggefahr durchzuführen und evt. tote Delfine für Mageninhaltsanalysen (Nahrungsbestimmung) und Untersuchungen der  Fortpflanzungsbiologie zu erhalten.