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26. April 2003 | Südamerika

Abschlussbericht Chile 2002-2003

Delfinprojekt in Südchile (Proyecto Toninas) von Sonja Heinrich

Zusammenfassung

Das Delfinprojekt in Südchile läuft nun erfolgreich im dritten Sommer. Erstmalig wurde die Verteilung von Chilenischen und Peale’s Delfinen vor Chiloé dokumentiert und ihre Habitate charakterisiert. Beide Arten zeichnen sich durch Vorlieben für flache und extrem küstennahe Gebiete aus. In diesen Gebieten konzentrieren sich auch die weiterhin expandierenden Lachs- und Muschelfarmen. Chilenische Delfine zeigen Standorttreue und scheinen kleinere Aufenthaltsgebiete als Peale’s Delfine zu haben. Dies macht sie für Veränderungen in ihrem Lebensraum besonders anfällig. Seit diesem Jahr besucht unser Team vor Ort auch die örtlichen Schulen, um Kinder und Lehrer mit Bildvorträgen und Informationsveranstaltungen für Delfine und das marine Ökosystem vor ihrer Türe zu begeistern und zu sensibilisieren. Dies ist der erste Schritt zur Umwelterziehung und zum integrierten Naturschutz .

Projekt-Ontogenese

Das Delfinprojekt („Proyecto Toninas“) vor der Insel Chiloé begann im Januar 2001 (Süd-Sommer) als Pilotstudie mit einem seetauglichen Schlauchboot (Zodiak), einem Koffer mit Ausrüstung, einem großen Rucksack mit wasserdichter und warmer Kleidung, einer gehörigen Portion Enthusiasmus und jeder Menge spannender Fragen. Nach drei Sommern auf Chiloé können wir einige der ersten Fragen beantworten, wobei sich gleichzeitig viel mehr neue Fragestellungen aufgetan haben.

Die Pilotstudie zeigte die räumlich sehr begrenzte Präsenz einer kleinen Population Chilenischer Delfine im Bezirk Quellon in Südchiloé. Überraschend war das Vorkommen der größeren  Peale’s Delfine im fast gesamten Bezirk mit Ausnahme der Buchten, in denen wir regelmäßig Chilenische Delfine sichteten. Überraschend war auch das Ausmaß der Aquakultur. Lachsfarmen waren omnipräsent, selbst in einem entlegenen Fjord an der Südspitze Chiloés. Miesmuschelfarmen nahmen fast die gesamte Bahia Yaldad ein, welche eines der Hauptgebiete der Chilenischen Delfin ist.

Im zweiten Sommer (2001/2002) erschlossen wir dann auch ein zweites Studiengebiet in Zentral-Chiloe im Bezirk Castro. Dieses Gebiet unterscheidet sich durch seine ozeanografischen (weniger Brackwasser, größere Wassertiefe) und anthropogenen Eigenschaften (mehr Lachsfarmen, mehr Schiffsverkehr) von Quellon. Der Vergleich von zwei diversen Studiengebieten ermöglicht uns, unterschiedliche Faktoren zu untersuchen, die die Habitatnutzung von Chilenischen und Peale’s Delfinen beeinflussen.

Im dritten Sommer (2002/03) haben wir die vergleichenden Besuche der beiden Studiengebiete fortgesetzt. Die Datenmenge reicht nun aus, um erstmalig Habitatnutzungsmodelle für Chilenische und Peale’s Delfine zu entwickeln und zu vergleichen.

Ausfahrten und Sichtungen

Wenn das unbeständige Wetter Chiloe’s es zuließ (d.h. kein Dauerregen, ruhige See) unternahmen wir so oft wie möglich Ausfahrten in unserem kleinen seetauglichen Schlauchboot. Hierbei wurde ein vorgegebener Teil des Studiengebietes im zick-zack Muster nach der Linientransekt-Methode abgefahren. Ausfahrten dauerten je nach Wetterbedingungen und Delfinsichtungen zwischen fünf und zehn Stunden. In regelmäßigen Zeitintervallen und bei allen Delfinsichtungen nahmen wir verschiedene Messungen vor, um das vorhandene Habitat zu charakterisieren und später dann die Eigenschaften der Gebiete mit Delfinsichtungen mit denen der Gebieten ohne Delfinsichtungen vergleichen zu können.

Beide Delfinarten trafen wir ausschließlich in kleinen Gruppen an, was bei küstennahen Delfinarten allgemein üblich ist. Bei Chilenischen Delfinen lag die mittlere Gruppengröße bei sechs Tieren in Süd-Chiloé, und bei vier Tieren in Zentral-Chiloé. Peale’s Delfine in Zentral-Chiloé hatten im Mittel größere Gruppen (sieben Tiere) als in Süd-Chiloé (vier Tiere). Aus unseren Sichtungen und Wiedersichtungen  ergibt sich ein vorläufiges Bild, in dem einige Buchten im Süden Chiloés ein bevorzugtes Habitat von Chilenischen Delfinen darzustellen scheinen und sich dort eine zumindest teilweise residente Population in sehr begrenztem Raum aufhält. Chilenische Delfine ziehen  in diesem Gebiet meist in kleinen Gruppen umher, aber zu bestimmten Zeiten, wie z.B. bei der Nahrungssuche konnten wir oft das Zusammenkommen von mehreren kleineren Gruppen und gemeinsames Jagdverhalten beobachten (daher im Mittel größere Gruppen). In  Zentral-Chiloé dagegen trafen wir immer nur kleine, vereinzelte und geographisch deutlich getrennte Gruppen Chilenischer Delfine (Sichtungen mindestens 25 km auseinander). Bei Peale’s Delfinen konnten wir das Zusammenkommen von verschiedenen kleineren Gruppen auch beobachten, jedoch nur in Zentral-Chiloé, wo Peale’s Delfine häufiger und zahlreicher anzutreffen sind.

Einige Fragen bedürfen noch der genaueren Untersuchung und vollständigen Analyse aller bis dato vorhandenen Daten (siehe Foto-Identifikation), wie z.B.

a) Wie groß sind die lokalen Delfinpopulationen?

b) Wie groß sind die Aufenthaltsgebiete individuell identifizierbarer Tiere und gibt es dort Unterschiede innerhalb der Populationen?

c) Sind die beobachteten kleinen Gruppen stabil oder mischen sich die Delfine einer Population frei zwischen verschiedenen nur temporären Gruppen?

Bei beiden Arten scheinen die Kälber vermehrt während der Hauptsommer-Monate geboren zu werden. Neugeborene Kälber erkennt man an ihrem noch unkoordinierten Schwimmverhalten und Auftriebsregulation (Neugeborene dümpeln wie „kleine Korken“ an der Oberfläche), ständiger Begleitung durch einen adulten Delfin, und den deutlich sichtbaren Geburtsmarken am Körper („Knautschfalten“). Der Anteil der gesichteten Gruppen, die mindestens ein Kalb bei sich führten, verdreifachte sich von Dezember (25%) bis April (75%).

Foto-Identifikation

Bei den Großwalen gilt das Motto „Zeigt her Eure Fluken“ (siehe Buckelwal-Projekt). Bei Delfinen werden dagegen die Rückenfinnen fotografiert, anhand denen einzelne Tiere mittels markanter Marken (meist Narben, Bisswunden, alte Verletzungen) identifiziert werden können. Wir haben bis jetzt über 5.000 Fotos von Chilenischen Delfinen und Peale`s Delfinen gemacht, von denen etwa ¼ der Fotos Finnen in guter Aufnahmequalität und gutem Winkel zeigen. Bis heute haben wir 33 Chilenische Delfine und 24 Peale’s Delfine individuell identifizieren können. Unser Identifikationskatalog wird aber noch wachsen, denn viele Fotos sind noch nicht bearbeitet und zugeordnet worden. Der sehr zeitaufwendige und kostspielige Prozess der Filmentwicklung und Verarbeitung der Fotos wird uns diesen Sommer durch eine neue digitale Spiegelreflex-Kamera erleichtert, mit der alle Fotos direkt nach der Ausfahrt digital auf einem Notebook gespeichert, archiviert und sortiert werden können.

Sobald alle Fotos mit dem Katalog verglichen und archiviert sind, können Sichtungs-geschichten der einzelnen identifizierten Delfine erstellt werden: d.h. wann, wo und mit welchen anderen Delfinen ein bestimmtes Tier jeweils gesehen wurde. Mittels Sichtungs-Wiedersichtungs-Statistiken können auch die Bestandsgrößen der lokalen Populationen in Süd- und Zentral-Chiloé abgeschätzt werden.

Habitatnutzung

Beide Delfinarten zeigen ausgeprägte Vorlieben für flache und extrem küstennahe Habitate (75% aller Sichtungen waren weniger als 400 m vom Ufer entfernt, und 80% aller Sichtungen waren in weniger als 20 m Wassertiefe). Chilenische Delfine zeichneten sich durch ein eher lokalisiertes diskontinuierliches Vorkommen aus, wohingegen Peale’s Delfine an weitverstreuten Küstenabschnitten gesichtet wurden. Unsere Sichtungsverteilung lässt eine räumlich-zeitliche Trennung der Habitate zwischen den beiden Arten vermuten. Nur insgesamt fünf Mal konnten wir räumliche Überlappung zwischen beiden Arten beobachten. In zwei Fällen handelte es sich sogar um gemischte Gruppen aus zwei Chilenischen und zwei bzw. vier Peale’s Delfinen. Solche „gemischte Gruppen“ sind bei küstennahen Delfinen eher selten und wurden für Peale’s Delfine bis dato nur in Südargentinien beobachtet (mit Jakobita-Delfinen, der lebhafteren und kleineren Schwesterart der Chilenischen Delfine).

Für beide Arten, Chilenische und Peale’s Delfine, gilt jedoch, dass die Hauptverbreitungsgebiete vor der Chiloé Insel durchsetzt sind mit Aquakultur-Farmen. Direkte Interaktionen zwischen Delfinen und Lachs-, oder Muschelfarmen, wie z.B. Nahrungssuche in der Nähe von Lachskäfigen, wurden noch nicht beobachtet. Ein möglicher Ausschluß der Delfine aus potentiell wichtigen Habitaten und Beeinflussung durch eine Veränderung des lokalen Ökosystems durch die Aquakultur-Aktivitäten erscheint jedoch plausibel.

Ausdehnung und Probleme der Aquakultur

Detaillierte Informationen über die Aquakultur in den einzelnen Regionen sind von offizieller chilenischer Seite leider nicht oder nur spärlich erhältlich. Dies liegt nicht unbedingt an unkooperativen Behörden, sondern, wie auf wiederholte Nachfragen hin erklärt wurde, an der Datenerhebung und Verwaltung der Informationen. Die Gesetzgebung in Chile schreibt Umweltgutachten und Genehmigungsverfahren vor der Zulassung von Farmen vor. Allerdings fehlen Gelder und Personal, um die Einhaltung der Vorschriften zu kontrollieren. Ferner fehlen genaue Raumpläne, die eine kartografische Erfassung der einzelnen Farmen und somit eine Kontrolle über deren rechtmäßige Lage und Ausdehnung ermöglichen. Während unserer drei Studiensommer beobachteten wir eine Abnahme von 29 auf 25 operierende Lachsfarmen in Süd-Chiloé. Dies reflektiert jedoch nicht unbedingt eine Verringerung der Aktivitäten, sondern vielmehr eine Umstrukturierung innerhalb der Farmkomplexe zu weniger, aber größeren Zentren. Lachsfarmen werden auch periodisch umgesetzt, um lokalisierte Verunreinigungen auf eine breitere Fläche zu verteilen. Dieses Umsetzen erschwert weiterhin die wenigen existierenden Kontrollen.

Im März 2002 trat dann erstmalig in der Geschichte Chiloés eine sogenannte „Rote Tide“ (Marea Roja) von bis dato unbekannter Heftigkeit auf. Hierbei handelt es sich um eine mikroskopische Alge (Dinoflagelat, Alexandrium catenella), deren Stoffwechselendprodukt ein sehr gefährliches Gift ist. In hohen Konzentrationen führt dieses Gift zu Lähmungen und zum Tod (Paralysierende Schellfisch-Vergiftung). Der Name Rote Tide beruht auf einer möglichen leichten Rotfärbung des Meeres durch die Vielzahl der auftretenden Algen. Diese Algenblüten treten in Zyklen aus noch ungeklärten Ursachen auf. Hohe Nährstoffkonzentrationen im Wasser und relative milde Temperaturen (z.B. El Nino Jahre) scheinen das Algenwachstum jedoch zu begünstigen. Von der Algenblüte betroffen sind Plankton-Filtrierer wie Muscheln, u.a. auch die gezüchteten Miesmuscheln in den Muschelfarmen. Die Muscheln erleiden keinen Schaden durch die Anreicherung des Algengiftes, werden aber für alle tierischen Konsumenten wie viele Meeresvögel, und  auch für den Menschen zum giftigen, und möglicherweise sogar tödlichen Leckerbissen. Allein in Süd-Chiloé starben vier Menschen an Vergiftung durch Muscheln. Die Muschelfarmen Chiloés wurden für fast ein Jahr geschlossen, was für die örtlichen Bevölkerung, die weitgehend von der Muschelzucht lebt, ein schwere Schlag war. Alle Muschelernten unterliegen nun strengsten Kontrollen durch staatliche Behörden. Die Auswirkungen auf das betroffene Ökosystem wurden bis dato nicht untersucht und sind völlig unbekannt. Die Bucht Yaldad, die eine der größten Muschelfarmen der Insel Chiloé beherbergt, und gleichzeitig eines der Haupthabitate der Chilenischen Delfine ist, war von der Algenblüte mit am stärksten betroffen. Da Plankton-Filtrierer wie Miesmuscheln nicht auf dem Speiseplan der Delfine zu stehen scheinen, waren die Delfine von der Roten Tide nicht direkt betroffen. Indirekte Effekte über ein verschobenes Gleichgewicht in der Nahrungskette sind jedoch nicht auszuschließen. Die Habitatnutzungsdaten der Delfine in Südchiloé sollen zwischen dem letzten Sommer und diesem Sommer (bis dato ohne Rote Tide) verglichen werden.

Neuerungen – Umweltbildung auf Chiloé

Das Auftreten der Roten Tide mit ihren katastrophalen ökonomischen Auswirkungen auf die Region hat die Menschen vor Ort und auch die örtlichen Behörden wachgerüttelt. Ein völliger Mangel an Informationen über solche Algenblüten, die ökologischen Zusammenhänge im Meer und die Auswirkungen eines veränderten Ökosystems auf die Menschen Chiloés, die alle direkt oder indirekt vom Meer leben, wurde deutlich. Umwelterziehung ist in den Schulen nicht bekannt. Auf Anregung des Dezernatleiters für Erziehung und Bildung in Quellon hat unser Team nun zum ersten Mal Bildvorträge und Informationsveranstaltungen in der Dorfschule von Yaldad veranstaltet. Themenschwerpunkt waren natürlich die Delfine vor Ort, aber auch die Umwelt in der sie leben und die möglichen Gefahren für diese Umwelt. Über 60 Kinder im Alter zwischen 8 und 15 Jahren und vier Lehrer nahmen mit regem Interesse an dieser mehrstündigen Veranstaltung teil. Weitere Vorträge in Schulen der Umgebung sind noch bis Ende April geplant. Im nächsten Sommer möchten wir diese Vortragsreihe gerne ausbauen und mit Kindern und Lehrern Exkursionen in die Bucht veranstalten.

Überraschende Sichtungen

Als größte Überraschung muss die erste Sichtung von drei Burmeister Schweinswalen im Studiengebiet in Zentral-Chiloé gewertet werden. Obwohl nicht unbedingt selten, gehören Burmeister Schweinswale (Phocoena spinipinis) aufgrund ihrer kryptischen Lebensweise zu den wohl am wenigsten bekannten Cetaceen überhaupt. Sie unterbieten im Bekanntheitsgrad sogar noch die Chilenischen Delfine. Die Gruppe der Schweinswale unterscheidet sich von Delfinen durch ihr unauffälliges Verhalten und spatenförmige Zähne (Delfine haben konische Zähne). Insgesamt gibt es nur sechs Schweinswal-Arten weltweit, von denen die bekannteste Art, der Hafen- Schweinswal, auch vor den deutschen Küsten vorkommt.

Sichtungen von lebenden Burmeister Schweinswalen in Chile sind höchst selten. Fast alle Informationen, Beschreibungen und Fotos stammen von Totfunden und Beifang aus der Fischerei, meist vor Nordchile und Peru.

In der letzten und auch in gegenwärtigen Feldsaison haben wir jeweils im gleichen Gebiet nun insgesamt sechs Sichtungen von Burmeister Schweinswalen gemacht und fotografisch dokumentiert. Gruppengröße schwankte zwischen ein und vier Tieren, eines davon war ein Kalb. Wiederholte Sichtungen im gleichen Gebiet lassen darauf schließen, dass sich die Burmeister Schweinswale den Sommer über im gleichen Küstenabschnitt aufhalten

Negative Überraschung - Strandung

Im August 2002 wurde der Küstenwache in Castro ein toter angespülter „Delfin“ gemeldet, genau in einem Gebiet, in dem unsere Schweinswal-Sichtungen stattgefunden hatten. Bevor dieser vermeintliche „Delfin“ entsorgt wurde, um die Einheimischen vom Verzehr des Fleisches abzuhalten, wurden zum Glück einige Fotos vom Kadaver gemacht. Der Verzehr von Delfinfleisch ist auf Chiloé durchaus noch verbreitet, auch wenn es sich dabei fast immer um zufällig in Fischernetzen gefangene oder tot aufgefundene Tiere handelt. Anhand der Fotos, die mir freundlicherweise von der Küstenwache Castros zur Verfügung gestellt wurden, konnte ich den vermeintlichen Delfin als männlichen Burmeister Schweinswal identifizieren. Der Kadaver wies deutliche Netzmarken am Kopf und den Flossen auf, und lässt auf Ertrinken im Fischernetz schließen. Neben der Aquakultur ist die küstennahe Stellnetzfischerei von kleinen Fischerbooten die größte Einkommensquelle auf Chiloé. Berichte von beigefangenen Delfinen oder gar Schweinswalen sind selten, da die Fischer zum einen nicht gerne von solchen Fängen berichten (Delfinfang ist illegal in Chile) und zum anderen bis dato auch kein offizielles Beifang-Registrierungs- oder Strandungsprogramm in Chile existiert.

Negative Überraschungen beim Leben und Forschen auf Chiloé

1. Das Wetter Chiloés verdient, nicht nur im Reiseführer Chiles, ein eigenes Kapitel. Besonders in diesem Sommer machte es seinem schlechten Ruf mit Regen und Sturm auch alle Ehre. Die Sonne sahen wir diesen Sommer an weniger als 14 Tagen, wenn man bei Temperaturen von 8-14 Grad und einem Unwetter nach dem anderen überhaupt von Sommer sprechen mag. Leider hat die schlechte Wetterlage unsere gegenwärtige Feldsaison stark beeinflusst, da Ausfahrten nur bei relativ ruhiger See und guter Sicht unternommen werden können.

2. Diesen Sommer kamen dann leider noch technische Probleme mit dem Außenbord-Motor unseres Schlauchbootes hinzu.  Da unsere Ausfahrten in entlegene Küstenregionen reichen, ist ein gut funktionierender Außenbordmotor die höchste Priorität. Für den nächsten Sommer werden wir uns nach einem neuen Motor umsehen.

3. Das wohl enttäuschendste Erlebnis war ein schwerer Diebstahl von Ausrüstung und Filmen aus der Basisunterkunft in Süd-Chiloé durch einen chilenischen Besucher unseres Projektes, wobei neben teurer Ausrüstung auch wichtige Daten (unentwickelte Fotos von Delfin-Finnen) verloren gingen. Einen Monat später folgte dem Diebstahl dann leider noch ein Einbruch ins Haus und der Verlust von weiterer Ausrüstung. Als Lehre halten wir diesen Sommer Ausrüstung und Daten immer fest unter Verschluss in eigens gesicherten Schränken. Die Türe zu unserem Haus und dem Delfin-Projekt ist jedoch trotz der menschlichen Enttäuschungen auch weiterhin allen fremden Interessierten geöffnet.

Aussichten für die laufende Saison 02/03:

1. Wetter (die chilotische Version):

Morgen wird es regnen, und wenn es morgen nicht regnet, dann mit Sicherheit übermorgen.

2. Arbeitsplanung

Es stehen noch je ein flächendeckender Besuch der zentral- und süd-chilotischen Studiengebiete aus. Werden wir auch zum Ende dieses Sommers wieder eine Abnahme der Sichtungen in Castro und eine veränderte Raumnutzung der Delfine vor Quellon beobachten?

Dabei stellt sich die besorgte Frage, ob der alternde frisch reparierte Außenbordmotor bis zum Ende der Saison durchhält.

3. Unvorhergesehenes

Wenn sich das Muster der beiden vergangenen Sommer fortsetzt, dann stehen uns immer noch weitere unvorhergesehene (und hoffentlich nur gute) Überraschungen bevor.

Pläne für den nächsten Sommer 2003/04:

Bereits jetzt ist der Arbeitsplan voll gefüllt:

1. Die großflächige Habitatstudie zur Lebensraumaufteilung von Chilenischen und Peale’s Delfinen soll abgeschlossen werden. Stattdessen werden wir uns auf die nun bekannten Habitate der Delfine beschränken und möchten die täglichen Aufenthaltsorte der bereits identifizierten Chilenischen Delfine und Peale’s Delfine im Detail untersuchen.

2. Wir werden versuchen, bei jeder Ausfahrt möglichst alle Delfingruppen zu fotografieren, um so Gruppenstabilität und Wahl der Aufenthaltsorte aller individuell kenntlichen Delfine in feiner zeitlicher und räumlicher Auflösung zu untersuchen. Also statt der Frage: „Wie groß ist das Aufenthaltsgebiet von z.B. „Nick“, einem ausgewachsenen Chilenischen Delfinweibchen,  während der Sommermonate?“ soll die Frage dann lauten: „Innerhalb ihres bekannten Aufenthaltsgebietes, besucht „Nick“ jeden Tag die gleichen Strandabschnitte oder zieht sie im gesamten bekannten Gebiet umher?“ 

3. Die bereits gesammelten Foto-Identifikationsdaten werden uns, nach abgeschlossener Analyse, auch allgemeine Aussagen zur Gruppenstabilität und Vergesellschaftung der Delfine sowie die Ermittlung lokaler Bestandsgrößen erlauben. Auch hier möchten wir die beobachteten Ergebnisse im Detail näher untersuchen. Also statt der bisherigen Frage: „Bleibt „Nick“ in Gesellschaft der gleichen Delfine?“ wollen wir präzisieren: „Wie lange bleibt Nick mit den gleichen Delfinen in einer Gruppe?“ Dies erlaubt uns die Sozialstruktur der Delfine näher zu untersuchen.

4. Gleichzeitig wollen wir auch mit einer akustischen Studie beginnen, bei der erstmalig die Laute von Chilenischen Delfinen, und auch von Peale’s Delfinen, untersucht werden sollen. Neben Informationen über Kommunikation und Nutzung von Echolot zur Nahrungssuche dient die akustische Charakterisierung auch als Vorraussetzung für eine seit langem überfällige Bestandserhebung im gesamten Süden Chiles. Chilenische Delfine sind aufgrund ihres unscheinbaren Verhaltens und der uns jetzt bekannten Vorliebe für extrem küstennahe Lebensräume sehr schwer mit traditionellen visuellen Methoden der Linientransekte von größeren Schiffen zu entdecken. In den nächsten Jahren hoffen wir, die klassischen visuellen Linientransekte mit akustischen „Lauschangriffen“ zu ergänzen, um so Defizite in die Sichtungswahrscheinlichkeit zu korrigieren und endlich eine großflächige Bestandsschätzung für Chilenische Delfine (und andere Delfinarten der Fjorde) durchführen zu können. Solche „kombinierten“ Bestandszählungen sind bei Studien an Großwalen bereits lange etabliert, sind aber in der Delfinforschung noch sehr neu.

5. Unser Team wird nächsten Sommer um zwei Diplomandinnen von verschiedenen chilenischen Universitäten bereichert werden, die diesen Sommer bereits als freiwillige Helfer mitgearbeitet haben. Damit verfestigt sich auch die wissenschaftliche Einbindung von Chilenen. Unser internationales Projekt, was als deutsch-schottische Doktorarbeit begann, hat somit feste Wurzeln in Chile geschlagen.

6. Auch in Chile wollen wir die Umweltpädagogik, welche ja seit 1992 fester Bestandteil im Programm von yaqu pacha in Ecuador ist, voranbringen. Bereits in der laufenden Feldsaison haben wir mit Bildvorträgen in den örtlichen Schulen begonnen. Die Vorträge über Delfine, Artenvielfalt und Probleme des örtlichen Ökosystems wurden von Schülern und Lehrern mit Begeisterung und großem Interesse aufgenommen. Dies spornt uns natürlich an, unsere Bemühungen in der Umwelterziehung zu intensivieren. Hierbei möchte unser Team vor Ort in Chile auf die langjährigen Erfahrungen und entwickelten Konzepte von yaqu pacha zurückgreifen.

Wie Sie sehen, haben wir noch viel vor und wir hoffen natürlich weiterhin auf Ihr Interesse.

Viele Grüße aus Chile,

Ihre Sonja Heinrich